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Die Theorie der Selbstwirksamkeit (Bandura): Wie Sie durch gezielte Erfolgs-Erlebnisse Ihr Potenzial freischalten

LOTARO
February 19, 2026

Was ist Selbstwirksamkeit?

Die Selbstwirksamkeitserwartung, ein zentrales Konzept der Psychologie, das von Albert Bandura geprägt wurde, beschreibt die subjektive Überzeugung eines Menschen, eine bestimmte Aufgabe oder Herausforderung aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Es geht hierbei nicht um die tatsächlichen Fähigkeiten, sondern um die Glaubenssätze über diese Fähigkeiten in einem bestimmten Kontext.

Eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung ist ein starker Prädiktor für den Erfolg. Wer glaubt, die nötigen Mittel und Fähigkeiten zu besitzen, um ein Ziel zu erreichen, geht Herausforderungen proaktiver an, ist beharrlicher bei Rückschlägen und erholt sich schneller von Misserfolgen. Im Gegensatz dazu meiden Personen mit geringer Selbstwirksamkeit tendenziell schwierige Aufgaben, geben schneller auf und sehen Hindernisse als unüberwindlich an.

Dieses Konzept ist für jeden relevant, der sein volles Potenzial ausschöpfen möchte – von der Führungskraft, die ein komplexes Projekt leiten muss, bis hin zum Angestellten, der eine neue Technologie erlernen möchte. Die gute Nachricht: Selbstwirksamkeit ist nicht angeboren, sondern kann systematisch gestärkt werden.

Die Relevanz der Selbstwirksamkeit im Alltag und Beruf

Die Kraft der Selbstwirksamkeit zeigt sich in nahezu allen Lebensbereichen. Im Beruf beeinflusst sie, ob wir uns trauen, eine Beförderung anzustreben oder ein innovatives Projekt zu übernehmen. Im persönlichen Leben bestimmt sie, ob wir eine Diät beginnen, eine neue Sprache lernen oder eine schwierige Konfrontation wagen.

Folgen hoher Selbstwirksamkeit:

  • Höhere Motivation und Zielsetzung: Selbstwirksame Personen setzen sich anspruchsvollere Ziele und sind bereit, größere Anstrengungen zu unternehmen.
  • Größere Resilienz: Sie sehen Rückschläge als temporär an und als Chance zum Lernen, anstatt als Beweis für Unfähigkeit.
  • Bessere Leistung: Die positive Erwartungshaltung führt oft zu einer besseren kognitiven Leistung, da weniger Energie durch Selbstzweifel gebunden wird.
  • Reduzierter Stress: Die Überzeugung, die Kontrolle über eine Situation zu haben, reduziert das Gefühl von Hilflosigkeit und Angst.

Ein Team, das kollektive Selbstwirksamkeit besitzt – also die gemeinsame Überzeugung, als Gruppe erfolgreich zu sein –, arbeitet effizienter und erreicht bessere Ergebnisse. Führungskräfte, die diese Überzeugung in ihren Mitarbeitern fördern, legen den Grundstein für eine innovative und hochproduktive Arbeitskultur.

Die Selbstwirksamkeitserwartung ist somit mehr als nur Selbstvertrauen; sie ist ein aktives Werkzeug zur Gestaltung der eigenen Realität. Sie entscheidet, ob wir agieren oder reagieren und wie wir mit den unvermeidlichen Hürden des Lebens umgehen.

Die vier Hauptquellen der Selbstwirksamkeit

Bandura identifizierte vier Schlüsselquellen, aus denen Menschen ihre Überzeugungen über die eigene Wirksamkeit schöpfen. Wer diese Quellen bewusst nutzt, kann seine Selbstwirksamkeit gezielt aufbauen und stärken.

1. Meisterungserfahrungen (Mastery Experiences)

Dies ist die stärkste und effektivste Quelle. Sie beruht auf dem Prinzip: Erfolg durch eigene Anstrengung erzeugt die Überzeugung, auch zukünftig erfolgreich sein zu können.

  • Wie es funktioniert: Jedes Mal, wenn Sie eine Herausforderung erfolgreich meistern – sei es das Abschließen eines Projekts, das Halten einer Präsentation oder das Erlernen einer neuen Fertigkeit – festigen Sie den Glauben an Ihre Kompetenz.
  • Tipps für die Anwendung:
    • Kleine, erreichbare Ziele setzen: Beginnen Sie mit Herausforderungen, die leicht über Ihrem aktuellen Niveau liegen. Der schrittweise Aufbau von Erfolgen, die sogenannten "Quick Wins", bildet eine solide Basis.
    • Erfolg bewusst reflektieren: Nehmen Sie sich Zeit, um den Erfolg zu analysieren. Führen Sie sich vor Augen, welche Anstrengungen, Strategien und Fähigkeiten zum Erfolg geführt haben.

2. Stellvertretende Erfahrungen (Vicarious Experiences)

Wenn Sie beobachten, wie andere Menschen, die Ihnen ähnlich sind, eine schwierige Aufgabe meistern, kann dies Ihre eigene Selbstwirksamkeit steigern. Man denkt sich: "Wenn sie es können, kann ich es auch."

  • Wie es funktioniert: Die Beobachtung eines Modells vermittelt die Vorstellung, dass Erfolg auch für einen selbst erreichbar ist. Die Ähnlichkeit zum Modell (Alter, Geschlecht, Hintergrund, Erfahrungslevel) ist dabei entscheidend für die Wirkung.
  • Tipps für die Anwendung:
    • Suchen Sie positive Rollenmodelle: Identifizieren Sie Personen in Ihrem Umfeld oder der Öffentlichkeit, die ähnliche Ziele erreicht haben, und studieren Sie deren Vorgehen.
    • Mentoring und Coaching: Nutzen Sie die Erfahrung von Mentoren, die Ihnen zeigen, wie man Hindernisse überwindet.

3. Verbale Überzeugung (Verbal Persuasion)

Dies bezieht sich auf die Ermutigung und das Zuspruch von anderen, wie beispielsweise einem Coach, Mentor oder Freund. "Ich glaube an dich und weiß, dass du das schaffst!"

  • Wie es funktioniert: Positives Feedback und konstruktive Ermutigung können Zweifel mindern und das Selbstvertrauen stärken, besonders wenn sie von einer glaubwürdigen Quelle stammen.
  • Tipps für die Anwendung:
    • Suchen Sie unterstützende Netzwerke: Umgeben Sie sich mit Menschen, die Sie ermutigen und an Ihre Fähigkeiten glauben.
    • Innere Selbstgespräche pflegen: Ersetzen Sie selbstkritische Gedanken durch positive und aufmunternde Selbstgespräche.

4. Emotionale und Physiologische Zustände (Physiological and Affective States)

Die Art, wie wir unsere körperlichen und emotionalen Reaktionen interpretieren, beeinflusst unsere Selbstwirksamkeit. Nervosität kann als Erregung oder als Angst interpretiert werden.

  • Wie es funktioniert: Ein Gefühl von Anspannung oder Herzklopfen vor einer Präsentation kann als Zeichen von mangelnder Fähigkeit interpretiert werden (geringe Selbstwirksamkeit) oder als natürliche, leistungssteigernde Erregung (hohe Selbstwirksamkeit).
  • Tipps für die Anwendung:
    • Uminterpretation von Stress: Versuchen Sie, Angstgefühle als Zeichen von Bereitschaft oder Aufregung und nicht als Beweis für Scheitern zu interpretieren.
    • Stressmanagement: Techniken wie Atemübungen, Meditation oder Sport helfen, den physiologischen Zustand zu regulieren und somit eine positive Interpretation der Körpersignale zu ermöglichen.

Die Interpretation von Misserfolgen ist entscheidend: Beim Fixed Mindset sieht man Scheitern als Beweis für Unfähigkeit, beim Growth Mindset als Chance zum Lernen.

Selbstwirksamkeit gezielt im Alltag stärken

Die Integration der vier Quellen in den Alltag ist der Schlüssel zur langfristigen Stärkung der Selbstwirksamkeit. Es geht darum, bewusst Strategien zu wählen, die diese Überzeugung Tag für Tag nähren.

Strategien zur Stärkung der Meisterungserfahrungen

Der Aufbau einer Erfolgsgeschichte beginnt mit der Aufgabenstrukturierung. Große, einschüchternde Ziele sollten in SMARTe (Spezifisch, Messbar, Erreichbar, Relevant, Zeitgebunden) Unterziele zerlegt werden.

  • Chunking: Teilen Sie ein komplexes Projekt in kleinere, gut definierte "Chunks" oder Module auf. Jedes abgeschlossene Modul ist ein erfolgreiches Mastery Experience.
  • Reflexions-Tagebuch: Halten Sie wöchentlich fest, welche kleinen und großen Erfolge Sie erzielt haben und warum. Dies manifestiert die Überzeugung, dass Ihre Anstrengungen direkte Ergebnisse liefern.

Anwendung der stellvertretenden und verbalen Quellen

Die soziale Umgebung spielt eine wichtige Rolle als Verstärker der Selbstwirksamkeit.

  • Strategisches Beobachten: Achten Sie in Meetings darauf, wie erfolgreiche Kollegen mit Stress umgehen oder wie sie präsentieren. Analysieren Sie deren Techniken, um sie in Ihren eigenen Werkzeugkasten aufzunehmen.
  • Aktives Feedback suchen: Bitten Sie gezielt um ehrliches, konstruktives Feedback von Vertrauenspersonen. Wichtig: Fragen Sie nach dem, was gut lief, um Ihre Kompetenz zu bestätigen, und nach Verbesserungspotenzialen, um den nächsten Schritt zu planen.

Umgang mit negativen Zuständen

Ihre Interpretation Ihrer körperlichen Reaktion ist machtvoll.

  • Physiologisches Reframing: Vor einer Situation, die Nervosität auslöst (z.B. ein Verkaufsgespräch), sagen Sie sich bewusst: "Mein Herz klopft, weil mein Körper sich auf optimale Leistung vorbereitet." Dieses Uminterpretieren (Reframing) der Erregung von "Angst" zu "Bereitschaft" kann die Leistung sofort steigern.

Selbstwirksamkeit in der Führung

Für Führungskräfte bedeutet die Theorie der Selbstwirksamkeit, nicht nur die eigenen Kompetenzen zu stärken, sondern vor allem die kollektive Selbstwirksamkeit des Teams zu fördern.

  • Delegieren mit Struktur: Geben Sie Mitarbeitern Aufgaben, die leicht über deren Komfortzone liegen, aber mit der richtigen Unterstützung bewältigt werden können. Der Erfolg wird das Selbstvertrauen des Mitarbeiters stärken (Mastery Experience).
  • Erfolgsgeschichten teilen: Heben Sie bewusst Erfolge anderer Teammitglieder hervor (stellvertretende Erfahrungen). Ein "Employee Spotlight" kann zeigen, wie ein Kollege eine Hürde genommen hat, und andere inspirieren.
  • Ermutigung als Standard: Machen Sie positive verbale Überzeugung zu einem festen Bestandteil der Teamkommunikation. Loben Sie Anstrengung und Strategie – nicht nur Talent.

Durch die bewusste Anwendung dieser Prinzipien legen Sie das Fundament für eine Mentalität, die Herausforderungen als Chancen begreift. Selbstwirksamkeit ist der Schlüssel, um vom Opfer der Umstände zum Gestalter des Erfolgs zu werden.

FAQ

Was versteht man unter Selbstwirksamkeit nach Bandura?

Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy) ist die Überzeugung einer Person, eine bestimmte Aufgabe oder Situation aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Sie ist ein zentraler Bestandteil der Sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura.

Worin unterscheidet sich Selbstwirksamkeit von Selbstvertrauen?

Selbstvertrauen ist eine allgemeine positive Einstellung zur eigenen Person. Selbstwirksamkeit ist spezifischer: Es ist die Überzeugung, eine bestimmte Aufgabe in einem bestimmten Kontext erfolgreich lösen zu können. Man kann in einer Sache selbstwirksam sein, aber in einer anderen nicht.

Was ist die stärkste Quelle zur Stärkung der Selbstwirksamkeit?

Die stärkste Quelle sind die Meisterungserfahrungen (Mastery Experiences). Eigene, erfolgreich bewältigte Herausforderungen sind der wirksamste Beweis für die eigene Kompetenz und stärken die Selbstwirksamkeit am nachhaltigsten.

Wie kann ich die Selbstwirksamkeit meiner Mitarbeiter stärken?

Als Führungskraft können Sie die Selbstwirksamkeit durch strukturiertes Delegieren (kleine, machbare Erfolge ermöglichen), die Hervorhebung von Erfolgsgeschichten (stellvertretende Erfahrungen) und gezielte Ermutigung (verbale Überzeugung) stärken.

Wie gehe ich mit Rückschlägen um, ohne meine Selbstwirksamkeit zu verlieren?

Rückschläge sollten als temporäre Lerngelegenheiten und nicht als Beweis für Unfähigkeit interpretiert werden. Analysieren Sie, was schiefgelaufen ist (Strategie, nicht Kompetenz), passen Sie Ihren Plan an und sehen Sie den nächsten Versuch als neue Meisterungserfahrung.

Ist Selbstwirksamkeit angeboren oder erlernbar?

Selbstwirksamkeit ist nicht angeboren, sondern eine Fähigkeit, die durch die vier Hauptquellen (Meisterungserfahrungen, stellvertretende Erfahrungen, verbale Überzeugung, emotionale Zustände) ein Leben lang gezielt aufgebaut und gestärkt werden kann.

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